Unter unerforschlichen Meteoren
LUDWIG MEIDNER – ERNST BARLACH
11. Oktober 2009 bis 31. Januar 2010

Der Maler, Zeichner und Dichter Ludwig Meidner (1884–1966) zählt zu den faszinierenden Grenzgängern der Klassischen Moderne. Sein Werk – ein Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche und persönlicher Krisen – besticht durch Leidenschaft, Sensibilität und Eigensinn. Schwerpunkt der Ausstellung Unter unerforschlichen Meteoren ist Meidners Schaffen der 1910er Jahre: seine eruptiven, teils schon vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen „Apokalyptischen Landschaften“ und Kriegsbilder, spannungsreiche Straßen- und Caféhausszenen, eindringliche Selbstbildnisse, Porträts und Prophetendarstellungen. Die Ausstellung präsentiert Meidners Kunst im Dialog mit Hauptwerken Ernst Barlachs (1870–1938). Rund 100 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen öffnen den Blick auf das vielschichtige Menschenbild beider Künstler – und offenbaren bemerkenswerte Parallelen.

„Ich denke mir die großartigsten Dinge aus, apokalyptische Gewimmel, hebräische Propheten und Massengrab-Halluzinationen – denn der Geist ist alles, die Natur kann mir gestohlen bleiben.“ So beschreibt Ludwig Meidner 1918 in Nächte des Malers seine motivischen Vorlieben. Auch Ernst Barlach wird von abgründigen Themen umgetrieben: Schreckensvisionen und biblische Seher, weltliche Niederungen und denkwürdige Himmelszeichen, der Mensch zwischen materieller Gebundenheit und Sehnsucht nach Transzendenz, Zustände der Ekstase, Panik oder Raserei – all dies versucht Barlach in seiner Kunst zu fassen. Wie Meidner ist er auch ein sprachmächtiger Wortkünstler: Seine Dramen und Prosatexte zählen – neben Meidners Büchern Im Nacken das Sternemeer (1918) und Septemberschrei (1920) – längst zum Kanon expressionistischer Literatur.

Erstmals richtet die Ausstellung nun einen vergleichenden Blick auf das Schaffen von Ludwig Meidner und Ernst Barlach – zwei Meister des Deutschen Expressionismus, die bis heute als Antipoden gelten. Barlach selbst bekundete bereits 1918 seine Vorbehalte gegenüber Meidners Kunst und beschrieb sich dabei implizit als Gegenspieler: „Er lädt immer viel Pulver in seine Kanone, es gibt immer eine gewaltige Explosion. Er weiß nicht, daß man auch sanft sein kann und daß das Sanfte sehr oft viel lauter ist als aller Kanonendonner.“ Damit ist eine Unterscheidung formuliert, die den Blick auf beide Künstler noch immer prägt – und dabei nicht selten auf die Klischees vom Großstadtrebellen Meidner und frommen Einsiedler Barlach verengt.

Die Zusammenführung beider Künstler sprengt diese Stereotypen: Meidners Kunst offenbart ihre introspektive Dimension, Barlach gewinnt zeitkritische Brisanz und aggressive Dynamik zurück. Zugleich wird ein gemeinsamer Ausgangs- und Bezugspunkt deutlich: der Mensch als in sich zerrissenes, „unheimliches Rätselwesen“ (Barlach). Beide Künstler – verwandt in ihrer skeptischen Gläubigkeit – setzen ihn in eine metaphysische, mystisch grundierte Perspektive, schildern sein Dasein im Kräftefeld zwischen „Wirrwarr-Welt“ und „Windstille der Unendlichkeit“ (Meidner). Spiegel des Unergründlichen von menschlicher Existenz und göttlicher Präsenz ist für Meidner wie Barlach der bestirnte Himmel – das Ich im Kosmos und der Kosmos des Ich stehen in geheimnisvoller Verbindung.

Die Ausstellung mit Leihgaben aus bedeutenden Museen und Privatsammlungen wird anschließend in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen sein. Das Begleitbuch mit Textbeiträgen und ausgewählter Prosa von Ludwig Meidner und Ernst Barlach ist im Kerber Verlag erschienen (176 Seiten mit 120 farbigen Abbildungen, Leineneinband mit Silberprägung, Museumsausgabe 25 Euro).

Ludwig Meidner: Im Nacken das Sternemeer, 1917, Ludwig-Meidner-Archiv, Jüdisches Museum Frankfurt
Ludwig Meidner: Der Selbstmörder, 1912, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothek der Moderne, München
Ludwig Meidner: Die Abgebrannten (Heimatlose), 1912, Museum Folkwang, Essen
Ernst Barlach: Der Berserker, 1910,
Ernst Barlach Haus Hamburg
Ludwig Meidner: Selbstbildnis, 1915, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
Ludwig Meidner: In der Frohn-Gasse zu Dresden während der Mobilmachungstage, 1914, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung
Ludwig Meidner: Die Pauluspredigt, 1919, courtesy Hauswedell & Nolte, Hamburg
© Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum Frankfurt; Fotos: bpk, Berlin 2009 (Nationalgalerie Berlin/Jörg P. Anders; Pinakothek der Moderne München), H.-P. Cordes, Jens Nober, Ursula Seitz-Gray
  I zurück
I zum Seitenanfang I Home I Druckversion I English